"Zum Verhältnis

von Lehrer und Schüler

im Instrumentalunterricht"

von Reiner Fischer

 

Juli 1989

 

Yehudi Menuhin:

"Der Lehrer darf nicht zu arrogant und stolz sein. Eine seiner Hauptaufgaben ist es, zu verhindern, dass Schaden angerichtet wird, und ich möchte behaupten, dass neun von zehn, und wahrscheinlich neunundneunzig von hundert Lehrern Schaden anrichten. Vielleicht merken sie in ihrer Blindheit garnicht, welchen Schaden sie verursachen. Wenn ein Lehrer dieses negative Ergebnis vermeiden kann, dann ist er, auch wenn er überhaupt nichts Positives beiträgt, schon ein recht guter Lehrer."

Y. Menuhin/William Primrose - Violine und Viola, S. 133

 

Inhalt

Einleitung

1. Hauptteil

1.1. Einleitung

1.2. Doris G. oder: "Ich habe die Geige in die Hand genommen und nur noch geschrien!"

1.2.1. Bildungsgeschichte

1.2.2. Der Unterricht

1.2.3. Das Lernklima

1.2.4 Methodische Aspekte

1.2.5. Die Beziehungsebene

1.3 "Schwarze Pädagogik"

1.3.1. Projektion im Instrumentalunterricht

1.3.2 Musikalische Interpretation

1.3.3. Der Schüler als Objekt narzisstischer Bedürfnisse

1.3.4. Zusammenfassung

 

2. Hauptteil

2.1. Einleitung

2.2. Das Recht auf Selbstbestimmung

2.2.1. Schülerinteressen

2.2.2. Methodische Aspekte

2.2.3. Technik und Persönlichkeit

2.3. Förderliche Unterrichtsbedingungen

2.3.1 Achtung - Wärme - Rücksichtnahme

2.3.2. Möglichkeit zur Kontroverse

2.3.3. Wahrnehmungslernen

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

 

Einleitung

Der Frage, welche Bedeutung das Verhältnis von Lehrer und Schüler für das Gelingen oder Misslingen einer Instrumentalausbildung hat, wird in der instrumentalpädagogischen Praxis in der Regel wenig Beachtung geschenkt. Gespräche mit Kommilitonen haben jedoch gezeigt, dass im Studium auftretende Lernschwierigkeiten häufig mit Spannungen auf der zwischenmenschlichen Ebene einhergehen. Dies lässt vermuten, dass hier Zusammenhänge bestehen. Es sollte zu denken geben, wenn fast die Hälfte aller Befragten angeben, mit ihren Lehrern mehr oder minder grosse Probleme auf der zwischenmenschlichen Ebene zu haben. Kritik an der fachlichen Qualifikation tritt dagegen eher in den Hintergrund, nicht selten wird diese ausdrücklich betont. Zwar sind diese Befragungen nicht repräsentativ, drücken aber dennoch eine Tendenz aus. Offensichtlich treten hier Defizite hervor, die ihren Niederschlag in der "frappierend hohen Zahl von Lernabbrechern im Bereich der Instrumentalausbildung" finden (F. Grimmer: Üben und Musizieren, 2/89, Klavierlernen in biographischer Sicht, S.9).

Instrumentalpädagogen sind sich häufig nicht darüber im Klaren, welche weitreichenden Folgen ihr pädagogisches Handeln für Musiklernende haben kann. Frauke Grimmer spricht von einer nahezu schicksalhaften Schlüsselrolle in deren Lern- und Lebensgeschichte (ebenda S.ll).

Die Bedeutung der Beziehungsebene tritt zumeist erst dann ins Bewusstsein der Lehrenden, wenn ihr Scheitern die fachliche Arbeit zu überschatten beginnt. Das kann soweit gehen, dass eine konstruktive Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist. Nicht selten bleibt nur noch die Trennung beider Parteien. Die Betreffenden sind sich in den wenigsten Fällen darüber im Klaren, wie diese Entwicklung zustande gekommen ist.

Die Geringschätzung dieses Aspektes instrumentalen Lernens drückt sich auch in der Anlage des Studiums zum Diplommusiklehrer aus. Wenigstens in Hamburg gibt es kein Lehrfach ,Allgemeine Pädagogik', in dem grundlegende Erkenntnisse der Erziehungswissenschaft thematisiert werden. Die Ausbildung beschränkt sich auf die Vermittlung einer fachspezifischen Methodik und Didaktik.

Im ersten Hauptteil dieser Arbeit wird anhand einer Fallstudie eine Lehrer-Schüler-Beziehung analysiert, in der die betreffende Schülerin mit massiven Lernschwierigkeiten zu kämpfen hat. Dabei wird aufgezeigt, dass das Lehrer-Schüler-Verhältnis ursächlich an diesen Lernschwierigkeiten beteiligt ist. Weitere Beispiele verdeutlichen die dahinter liegenden psychologischen Mechanismen.

Der zweite Hauptteil versucht, daraus Konsequenzen für das Verhältnis von Lehrer und Schüler im Instrumentalunterricht abzuleiten. Es wird ein Unterrichtskonzept entwickelt, das der Selbstentfaltung des Schülers einen hohen Stellenwert beimisst. Anhand weiterer Beispiele soll die praktische Umsetzung der vorgestellten Thesen aufgezeigt werden.

 

Zum 1. Hauptteil